Letztens in Hamburg.
Geburtstage, die mit Vorglühen irgendwo in einem Hamburger Zuhause beginnen, enden meistens mit üblen Nachwehen irgendwo auf dem Kiez. Vor allem, wenn es dazu Schnittchen gibt. Schnittchen auf dem Teller und auf der Couch.
Denn die Geburtstagsgesellschaft, auf die ich heute Abend treffe, gehört nicht zu meinem allabendlichen Programm. Ich nenne sie liebevoll die Salatmädchen. Eine Gruppe von Mädels, die eigentlich sehr nett sind, die sich aber gerne und oft den Kopf darüber zerbrechen, wie viele Punkte eine Weißweinschorle hat, ob Benedikt endlich bekommt, was er verdient und dabei trotzdem noch immer an Eva denkt, die ihn jetzt ja sowas von nicht mehr braucht, ja nicht mal mehr an ihn denkt und ob der heiße Fitnesstrainer im Meridianspa nun schwul ist oder nicht. Aber für eine gute Freundin, die unaufhaltsam älter wird und sich als Berlinerin vehement gegen Hamburg wehrt, vergesse ich meine niedrige Toleranzgrenze, kaufe eine Flasche Wodka, 2 Flaschen Schweppes Wildberry Russian und mache mich auf den Weg nach Barmbek.
„Dieser Weg wird kein leichter sein“ dröhnt es neben mir aus dem polyphonen Handy eines 16jährigen, der extrem angestrengt darauf bedacht ist, so aus zu sehen, als wäre ihm einfach alles egal. Und ich denke „Ja, du hast recht, wird er nicht“.
Es wird nicht nur kein leichter Weg, es wird ein steiler. Eigentlich war mir das schon klar, als ich die Einladung meiner Freundin mit den Worten “Ich gebe Hamburg noch eine Chance, aber ihr müsst es mir lieben helfen” bekam. Und was wir mit Männern können, das können wir auch mit Städten. Wir trinken uns Hamburg schön.
Es gibt also Light-Schnittchen, Weißweinschorlen mit mehr Wasser, als Wein und Gespräche in denen ich mehr als einmal denke: “Wenn mich doch jetzt jemand sehen könnte!”. Aber mit ein bis fünf gut gekühlten Wodka Cranberry löst sich sogar bei mir irgendwann so sehr die Zunge, dass mir Sätze wie „Ich liebe deinen Strassgürtel!“ so leicht über die Lippen kommen, wie normalerweise nur ein Brownie.
So vergeht ein Vodka nach dem anderen und irgendwann geht es dann auf den Kiez.
Das Ziel ist das Alt Hamburg am Hans-Albers-Platz. So wie das Ding heißt, ist es auch. Um es schön zu reden, würde ich es eine rustikale Kneipe mit Kultcharakter im Herzen St. Paulis nennen. Will ich aber nicht.
Es ist sehr eng, sehr warm und sehr schlecht gelüftet. Hier trifft man diese Leute, von denen man ab und zu mal hört. Diese Studenten, die mit hochgestelltem Hemdkragen unter dem über die Schulter gelegten Marco Polo Pullover vergessen wie sie heißen, sich gegenseitig Astra über den Kopf schütten und sich zu “Flugzeuge im Bauch” mit Hein-Peter verbrüdern, der schon hier war, als der Kiez noch was für echte Männer war, oder so ähnlich. An der Bar steht Gerd, der mich damit beeindruckt, dass er überhaupt noch stehen kann. Denn er gibt mir auf meine Frage nach einem Vodka Red Bull einen Kurzen und eine Dose Red Bull, bei der die Lasche abgerissen ist.
Ich muss an die frische Luft.
Mann muss nur lange genug draussen warten, dann kommen sie schon, die Salatmädchen. Wir ziehen weiter in Rosi’s Bar. Mittlerweile ist meine Aufnahmefähigkeit beschränkt, meine Hamburg-Hasserin aber weiterhin an meiner Seite. So schlecht kann es also nicht sein, hier bei Rosi, im Hamburger Berg 7. Das gemischte Publikum aus kiffenden Studenten und Stammgästen bewegt sich in einer einheitlichen Masse zu etwas, das mir im Nachhinein wie eine Bucovina-Party vorkommt, vielleicht aber auch alles andere gewesen sein könnte. Das Wichtige dabei – es ist unwichtig. Denn in Rosi’s Bar geht es nicht darum, ob die Leute cool genug, die Musik nicht zu Mainstream, die Drinks genau richtig und die Toiletten sauber sind, sondern viel mehr darum, dass man hier zusammen richtig Spaß hat. Es ist so voll, dass mein Kopf immer wieder mit dem Schirm einer 70er Jahre Lampe kollidiert, aber der Wodka schmeckt noch immer und auch meine Berlinerin lässt sich von der wogende Menge gern ein bisschen ins Stolpern bringen.
Nass geschwitzt, angetrunken und irgendwie glücklich arbeiten wir uns vom Kiez langsam von Bar zu Bar, bis wir merken, dass davon immer weniger aufhaben. Es ist mittlerweile 5 und ich denke, dass ich nicht gedacht hätte, dass Salatmädchen so gut darin sind Zeit vergehen zu lassen ohne, dass es weh tut.
So wie die offenen Kneipen, werden auch wir immer weniger. Ich habe mittlerweile das Gefühl ich habe Zigaretten gegessen. Dagegen hilft frische Luft und mehr Alkohol. Wir gehen zur berühmten Tankstelle auf dem Kiez und kaufen alles, was bunt ist. Wie Teenager stürzen wir uns auf die von Neonlicht strahlenden Regale und freuen uns über glitzernde Flaschen, bei denen nicht wirklich ersichtlich ist, was genau eigentlich drin ist. Aber es ist uns egal.
Stolz tragen wir unsere Sammlung an den Hafen. Etwas erhöht, mit dem Blick auf die Queen Mary, setzen wir uns und halten kurz den Atem an. Das müsste man öfter tun, schießt es mir durch den Kopf. Klar, es gibt dieses Gerede vom Fischmarkt nach einer durchgetanzten Nacht, aber das hier ist was anderes. Wir erwischen genau den Moment, an dem Hamburg das erste Mal an diesem Sonntagmorgen blinzelt, sich streckt und wir sind dabei, wie es ganz langsam erwacht.
Dann treffen wir Pavlev. Pavlev erzählt uns, dass er aus Harburg kommt, dass er hergelaufen ist und auch wieder zurücklaufen will. Dass er Stress mit seiner Freundin hat und, dass sein Bruder auch Stress mit seiner seiner Freundin hat. Mit der eigenen, nicht mit der von Pavlev. Es sei einfach alles nicht so einfach, sagt er als er sich seufzend vor unsere Füße in den Sand fallen lässt. Pavlev redet und redet und ich starre den Hafen mit seinen Lichtern, den Möwen und der aufgehenden Sonne an. Ich will Fischbrötchen. Die Luft ist salzig und es ist ehrlich gesagt saukalt. Mittlerweile sitzen wir seit 4 Stunden hier – es ist 10 Uhr morgens.
Als wir aufstehen merken wir erst, wie kalt, betrunken und fertig wird eigentlich sind. Aber als wir uns angucken merken wir auch, wie glücklich und zufrieden wir sind. Wir laufen noch die paar Meter bis zu mir nach Hause und meine Berlinerin zieht alleine weiter. Aber erst nachdem sie sagt:
“Käthe, vielleicht ist Hamburg doch kein Arschloch. “



